Einfach mal springen

Der kleine Pinguin berührt mein Herz, wie er da so an der Klippe steht und mutig einen Schritt nach vorne geht. Welch unglaubliches Vertrauen in sich selbst und das Leben muss er haben, dass er einfach so voranschreitet. Er weiß, dass er das Richtige tut, er stürzt sich vermutlich gleich in die tiefblauen Fluten, um Nahrung zu besorgen für sich und vielleicht auch seine Brut, die in irgendeinem Busch sehnsüchtig auf ihn wartet. Er geht einfach los, darauf vertrauend, dass er findet, wonach er sucht. Er tut einfach instinktiv, was getan werden muss. Beneidenswert!

Warum ich das beneidenswert finde, wenn ein kleiner Pinguin tut, was so ein Pinguin eben tun muss? Weil ich merke, wenn ich so auf meinen Alltag blicke, dass ich mich häufig davon ablenken lasse, das zu tun, was getan werden muss. Oft kreuzen Gedanken durch meinen Kopf, die mich davon abhalten wollen, das zu tun, was für mich EIGENTLICH in diesem Moment dran wäre, im Hinblick auf meine Prioritäten. ´Gehe lieber jetzt gleich einkaufen (Wäsche waschen, den Müll runter bringen), bevor Du Dich an den Schreibtisch setzt' ist zum Beispiel so ein Gedanke. Oder ich schaue mir abends einen Film an, anstatt das neue Buch zu lesen, das mich wirklich interessiert und ich mir schon lange vorgenommen habe zu kaufen. Da liegt es nun, aber ich erfinde mir selbst die Ausrede, dass ich meinem lieben Mann etwas Gutes tun möchte und mich gemeinsam mit ihm vor einen Film setze, den er interessant und spannend findet. Er wäre mir sicher nicht böse und wahrscheinlich auch nicht traurig, wenn ich im Nebenzimmer mein Buch lesen würde. 

Worauf ich hinaus möchte: der kleine Pingu weiß genau, was gerade dran ist, was er zu tun hat und er tut es einfach.

Ich weiß EIGENTLICH auch, was gerade die erste Priorität für mich ist und dran wäre, ich tue es aber oft nicht, weil ich mich ablenken lasse, andere Dinge "schnell noch" erledigen will, damit alles fertig ist und ich mit meinen wirklich wichtigen Dingen anfangen kann. Doch dann merke ich, dass die Zeit dafür zu knapp wird oder ich zu erschöpft bin. 

Genau so eine Geschichte habe ich vor Kurzem gelesen. Eine Bestsellerautorin war bei ihrem Coach, weil sie es einfach nicht auf die Reihe bekam, ihr nächstes Buch zu schreiben. Sie fand einfach keine Zeit dazu. Der Coach fragte sie danach, wie ein normaler Tag in ihrem Alltag so ablaufe. Sie schilderte ihm, wie sie jeden Morgen Frühstück für ihre Familie machte und alle Familienmitglieder versorgte, damit diese gut zur Arbeit und in die Schule gehen konnten. Danach kümmerte sie sich um den Haushalt und das Mittagessen und erledigte Dinge, die sonst so für die Familie zu tun waren. Und wenn sie dann Zeit gehabt hätte, um am Buch zu schreiben, fühlte sie schon wieder Zeitdruck, weil die Kinder nach Hause kamen oder ihr Mann etwas mit ihr unternehmen wollte. Und so verstrichen die Tage und Wochen und sie hatte einfach keine Muse, um an ihrem nächsten Bestseller zu schreiben. Der Coach stellte ihr eine einfache, harmlose Frage: "Was ist Deine erste Priorität in Deinem Leben?" Sie antwortete natürlich: "Mein Buch zu schreiben". Und er antwortete: "Wenn Du mir so Dein Leben beschreibst, scheint Dein Buch die aller letzte Priorität zu haben, denn Du machst alle anderen Dinge, die am Tag zu erledigen sind vorher, bevor Du an Deinem Buch schreibst". Da ging ihr ein Licht auf und sie veränderte eine einfache Sache. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren morgens setzte sie sich als allererstes an den Schreibtisch und schrieb an ihrem Buch. Es war ihre erste Priorität in ihrem Leben und sie organisierte alles andere so, dass sie dieser Priorität gerecht werden konnte. 

Diese Geschichte rufe ich mir immer wieder ins Gedächtnis, wenn ich mich darüber ärgere, nicht zu dem gekommen zu sein, was mir EIGENTLICH am Herzen liegt. Wenn ich merke, ich hetze von Aufgabe zu Aufgabe und das, was mir am Wichtigsten ist, kommt als letztes dran. 

Stell Dir vor, der Pinguin würde plötzlich nicht mehr nach seiner ersten Priorität handeln, sondern die Reihenfolge seiner Erledigungen ändern. Er würde vermutlich sterben.

Und ich persönlich glaube, wir Menschen sterben auch ein bisschen, wenn wir immer nur tun, was wir glauben tun zu müssen und nicht das tun, was EIGENTLICH unsere Aufgabe ist. Wir sterben vielleicht nicht physisch, wie der kleine Pinguin es tun würde, aber emotional sterben wir Stück für Stück, wenn wir nicht danach handeln, was uns wirklich gut tut. Auch die Bestsellerautorin fühlte sich unglücklich, weil sie nicht an ihrem Buch schrieb. Bei jedem von uns kann dies etwas ganz anderes sein. Sei es der Sport, den wir lieben, das Theaterspielen, das uns Freude bereitet, der Beruf, der gleichzeitig unsere Berufung ist.

Ich selbst sage mir immer wieder: Sei mutig wie der kleine Pinguin und tue das, was Dich glücklich macht und Deine erste Priorität ist. Immer dann, wenn es gerade dran ist.