Die Maske ablegen

"Menschen, die offen mit ihren Gefühlen umgehen, sind weder dumm noch naiv. Ganz im Gegenteil. Sie sind so stark, dass sie keine Maske brauchen." Diesen Spruch habe ich vor Kurzem gelesen und ich dachte mir spontan: der könnte von mir sein! Ich habe dieses Bild schon in meinen Vorträgen und Seminaren benutzt, um deutlich zu machen, dass wir Menschen uns häufig eine Maske erschaffen haben, mit der wir durch den Alltag gehen. Vor allem im beruflichen Umfeld nutzen wir gerne Masken. Für viele von uns gilt: Es ist schließlich unangebracht, im beruflichen Umfeld Gefühle zu zeigen. Wir sind doch erwachsen!! Und kompetent!! 

 

Aber im Grunde genommen nutzen wir sie auch im Privatleben, diese Masken. In der Beziehung zu unserem Partner, weil wir ihm nicht wehtun wollen, im Gespräch mit der Freundin, wenn wir es nicht schaffen, ihr die eigenen wahren Gedanken über ihre Situation zu sagen und wahrscheinlich sogar, wenn wir es mit uns selbst zu tun haben. Wir tragen gerne Masken. Wir machen anderen und uns selbst gerne etwas vor. Umgekehrt ausgedrückt:. Wir trauen uns nicht, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind. Und vor allem trauen wir uns oft nicht zu zeigen, was wir fühlen. 

 

Ich erkenne das bei mir selbst immer wieder. Ich erinnere mich dabei an ein Telefonat, bei dem ich gemerkt habe, wie ich angelogen werde. Ich habe mich hintergangen gefühlt, weil ich gespürt habe, dass meine Gesprächspartnerin unehrlich ist. Und wie habe ich reagiert? Scheinheilig! Ich habe die Maske der Professionalität aufgesetzt, denn diese Maske ist mir vertraut und sie passt mir wie angegossen. Freundlich, kompetent, entgegenkommend, verständnisvoll. Und dabei habe ich mich selbst verleugnet. Ich habe meine Wut über die gefühlte Unehrlichkeit erst herausgebrüllt, als ich aufgelegt hatte. Habe mich über die Unverschämtheit meines Gegenübers bei meinem Mann beschwert. Ich habe mich einige Stunden damit beschäftigt, mir selbst leid zu tun. Und das alles nur, damit ich mein "Gesicht wahre" im Gespräch. Ich habe ihr nicht gesagt, wie unmöglich ich ihre Aussagen finde, weil ich nicht als frech und unverschämt gelten wollte. Ich habe die Maske aufgesetzt, um mich zu schützen. Doch hat sie mir wirklich genützt?

Sie hat mich vielleicht vor einer "richtigen" Auseinandersetzung bewahrt, in der es eventuell auch etwas lauter geworden wäre. Doch anstatt meine Wut konstruktiv zu nutzen, habe ich sie runtergeschluckt und hinterher die Opferrolle eingenommen. 

 

Was ist der wahre Nutzen dieser Maske? Die Antwort, auf die ich komme, lautet: Ich muss keine Verantwortung übernehmen, muss meiner Umwelt nicht Rede und Antwort stehen. Ich kann in eine Rolle schlüpfen und mich hinter ihr verstecken. Als professionelle Geschäftsfrau musst Du freundlich bleiben, das ist doch ganz klar. Du musst auch in Kauf nehmen, dass Dich jemand missachtet, dich anlügt, das gehört doch dazu. 

Ja, ist das wirklich so? Ich finde nicht. Verantwortung übernehmen, auch für seine Gefühle, bedeutet ja nicht, dass ich das Gegenüber beleidige und wild herumbrülle. Es bedeutet, dass ich erkenne, wenn meine Grenze überschritten wird, wenn ein anderer mich so ärgert, dass es mir etwas ausmacht, dass ich meine Wut spüren kann und diese konstruktiv einsetze, in dem ich der anderen Person klar mache, dass ich das nicht akzeptiere. Ich hätte beispielsweise sagen können, dass ich den Eindruck habe, dass sie mir die Wahrheit verschweigt und ich die wahren Gründe für ihre Reaktion gerne erfahren würde. Ich hätte klar machen können, dass ich es nicht akzeptiere, mit einer Halbwahrheit abgespeist zu werden. Ich hätte auch deutlich machen können, dass ich mir eine Kooperation auf Augenhöhe anders vorstelle. Und somit den Raum öffnen können für echtes Feedback, für eine Kommunikation zwischen erwachsenen Menschen, die sich offen austauschen, statt durch ihre Masken hindurch zu schauspielern. 

 

Doch auch wenn ich die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann und diese konkrete Situation nicht mehr ändern kann, kann ich doch daraus lernen. Der erste Schritt zur Veränderung ist immer die Erkenntnis.

 

Und ich werde weiter dran bleiben, immer öfter, wann immer es mir bewusst ist, die Masken abzulegen, die ich mir erschaffen habe. Denn: mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin, mit allem, was mich ausmacht: Gedanken UND Gefühlen, mit all meinen Stärken UND Schwächen, das ist wahre Freiheit. Das ist wahre Authentizität. Und ich will frei sein!

Was willst Du?