Die Kamera neu ausrichten

Der Unterschied zwischen Positivem Denken und dem Wahrnehmen von dem, was da ist.

 

Wir haben die Wahl, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Das ist meine Überzeugung. Und ich entscheide selbst, ob ich das Glas als halb voll oder halb leer wahrnehme.

Wenn ich, wie an diesem Wochenende mehrmals, im Gespräch mit meiner Mutter bin, braucht sie es oft, sich über Dinge zu beschweren, zu klagen, wie schlecht es ihr mit so manchen Dingen geht: den Gelenken, dem Rheuma, anderen Menschen. Und ich merke bei diesen Gesprächen oft, dass ich richtig traurig werde. Traurig darüber, dass es ihr so geht und sie offensichtlich diese Dinge sehr belasten. Ich liebe sie sehr und wünsche mir natürlich, dass sie glücklich ist. Und ich merke auch, wie ich ungeduldig werde und mich hilflos fühle, weil ich ihr nicht wirklich helfen kann. Als nächstes schäme ich mich dann für meine Ungeduld.

Denn so fühlt sich das nun einmal für sie an und ich als Tochter sollte ihr doch zumindest zuhören und Verständnis aufbringen für ihre Leiden und ihre Situation. Und wenn es sich subjektiv für sie so anfühlt, dann ist das auch so für sie. Punkt. Doch ich merke dann, wie ich immer wieder den Impuls habe, ihr zu sagen, dass sie sich darauf konzentrieren könnte, was gut läuft bei ihr. Darauf zu achten, was sie alles hat. Eine schöne Wohnung, eine große Familie, viele Enkel (die tollen Kinder meiner Geschwister) und sogar schon drei Urenkel. Sie ist geistig fit und hat eine schwere Krankheit überwunden. Sie lebt in einer wundervollen Natur, auf die sie von ihrer Wohnung aus einen herrlichen Blick hat.

 

Sie sagt dann immer: Ja, du hast recht, ich sollte positiver denken.

 

Das meine ich aber gar nicht. Sie soll nicht positiver denken. Es geht mir darum, dass sie sehen kann, was DA IST. Positives Denken würde aus meinem Verständnis heraus bedeuten, Dinge gut zu reden oder zu denken, die im Grunde schlecht sind oder eben nicht gut. Zum Beispiel wenn sie sagen würde: meine Gelenkbeschwerden sind ja gar nicht so schlimm, ich bilde mir das nur ein. Das wäre Selbstveräppelung. Sie spürt die Schmerzen, es tut einfach weh. Vielleicht würden die Schmerzen aber etwas in den Hintergrund treten können, wenn sie sich statt über die Schmerzen zu grübeln mit etwas anderem beschäftigen würde. Zu sehen, wie viele Menschen sich um sie bemühen, sie besuchen, sie zum Arzt fahren, wenn sie einen Termin hat. Sie könnte mit uns auch ganz bewusst über etwas anderes reden. Oder etwas lesen, das sie inspiriert. Sich in die Sonne im Wintergarten setzen und sich mit Sonnenenergie auftanken. Freundinnen anrufen und über schöne Ereignisse sprechen, sich erkundigen, was es Neues gibt.

 

Denn all diese Dinge sind auch da. Neben den Schmerzen. Wenn sie sich jedoch dazu entscheidet, den negativen Dingen den ganzen Raum in ihrem Leben einnehmen zu lassen, haben es die anderen schönen Dinge schwer, wahrgenommen und gesehen zu werden.

 

Wir selbst sind die Kameramänner und –frauen, die den Film unseres Lebens aufzeichnen. Und in dieser Funktion entscheiden wir auch selbst, welchen Fokus bzw. welche Kamera wir benutzen, um unsere Umwelt und uns selbst wahrzunehmen. Mir scheint allerdings, dass wir Menschen dazu neigen, uns darauf zu konzentrieren, was uns fehlt, was schlecht läuft, wo wir einen Mangel erleben, dass wir die anderen Dinge, das viele, große PLUS in unserem Leben, nicht mehr sehen können. So als ob wir vor das tolle Panoramafenster in unserer Villa am Meer einen schwarzen blickdichten Vorhang hängen würden.

 

So sitzen wir dann in der Villa am Meer und beschweren uns über die Dunkelheit in unserem Leben. Dabei müssten wir nur den schwarzen Vorhang wegschieben.

 

Ich lade euch alle ein: schaut auch genau an, worauf Ihr euren Fokus tagtäglich legt. Vielleicht habt ihr Lust, mal was Neues auszuprobieren und zu schauen, was es sonst noch alles in eurem Leben so gibt? Vielleicht seht ihr ja plötzlich ganz neue Dinge  und seid erstaunt über die Entdeckungen. Viel Spaß damit.