Die größte Ressource liegt IN Dir

"Ich weiß, ich bin zu sensibel, zu weich, zu gefühlsdusselig". Diesen Satz höre ich mehrere Male pro Woche. Von Menschen, denen es gerade nicht gut geht und verständlicherweise die "schlechten" Gefühle, den unguten Zustand loshaben wollen. 

 

Ich verstehe sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie es ist, Traurigkeit, Wut oder Angst zu fühlen und diese "negativen" Gefühle einfach loshaben zu wollen. Schließlich will ich glücklich und zufrieden sein und mich nicht deprimieren lassen. Doch mittlerweile weiß ich: diese Gefühle zu unterdrücken, sie zu ignorieren oder gar gegen sie anzukämpfen führt zu nichts. Außer zu noch größerer Verzweiflung. Vorübergehend kann es zur Entlastung kommen, indem man sich betäubt (Shoppen, Alkohol, die Lieblingsserie) oder erfolgreich ablenkt. Doch unsere Gefühle sind erfinderisch. Wenn wir sie nicht wahrnehmen wollen, melden sie sich auf andere Art und Weise. Bis wir gar nicht mehr anders können, als innezuhalten: indem sie uns auf körperlicher Ebene ausbremsen, uns krank machen, man sich plötzlich nach einem Sturz auf dem Boden wieder findet (ist mir kürzlich erst sehr schmerzhaft passiert) oder einen Unfall baut. 

 

Ich appelliere ausdrücklich dafür, die Signale, die uns unsere Gefühle schicken, wahrzunehmen, genau hinzuhören, was sie uns sagen wollen und etwas damit zu gestalten. 

Denn: Druck erzeugt Gegendruck. Je mehr ich etwas wegdrücke, umso stärker wird es zurückdrücken. So ist das auch mit unseren Gefühlen. 

 

In unserer Gesellschaft ist es leider nicht akzeptiert, sich schlecht fühlen zu dürfen. Wir sollen alle immer funktionieren, leistungsfähig sein, strahlend schön, schlank und vor allem: gut gelaunt sein. Wie soll das bitte möglich sein? Wir sind Menschen und keine Maschinen. 

Wie kann ich immer fröhlich sein? Das ist schon aufgrund des einfachen Gesetzes der Polarität gar nicht möglich. Freude bedarf auch der Traurigkeit. Ohne Angst, Wut und Traurigkeit gibt es auch keine Freude. 

 

In den Medien hört man sie überall, die Motivations-Coaches, die sagen, überwinde Deine Angst, konzentriere Dich auf das, was Du willst und mache immer weiter und weiter. Prinzipiell eine gute Sache. Doch: es geht nicht darum, die Angst zu überwinden, sondern sie wahrzunehmen, sie zu fühlen und dann mit diesem Gefühl den nächsten Schritt zu gehen. Sich dorthin leiten zu lassen, wo die Reise hingehen soll. 

 

Immer wieder lese ich: die Wut muss weggeatmet werden. Es wird so getan, als wäre sie etwas Schlechtes, das keinesfalls da sein darf. Doch sie ist nun mal da. Sie ist einfach nur ein Gefühl. Energie, die wir Menschen spüren. Sie kommt nicht ohne Grund und wir sollen die Energie, die wir haben, einfach wegatmen? Das finde ich wenig dienlich. 

 

All diese Ressentiments gegenüber Gefühlen führen dazu, dass Menschen, die diese Gefühle fühlen und nicht "wegdrücken" können, sich irgendwie falsch fühlen. Anders sein wollen. Funktionieren wollen. Bloß nichts Fühlen. Sich als ZU sensibel, weich, gefühlsdusselig wahrnehmen. Dabei tun sie bloß, was Menschen tun: Fühlen.

 

Aus meiner Sicht ist dies die schlimmste Krankheit, die es in unserer Gesellschaft gibt: Nicht fühlen dürfen. Wir sind lebendige Wesen und wollen aus uns funktionierende Maschinen machen. Wenn wir mal nicht funktionieren, beginnen viele von uns, sich "umprogrammieren" zu wollen. Damit die Leistung wieder möglich wird. 

 

Ich lade euch ein: tut einfach mal das Gegenteil. Inne halten, fühlen. Wahrnehmen, was ist. 

Das kann sich schräg anfühlen am Anfang. Doch ich bin davon überzeugt: ein jeder von uns hat alle Informationen, die er braucht IN sich. Wenn wir beginnen, in uns hineinzuhören, werden wir wirklich lebendig sein. Das erschließen der eigenen Lebensenergie kann unglaubliche Ressourcen frei machen, die jeder von uns nutzen kann. Daraus kann eine große Kraft entstehen, die uns dazu dienen kann, zu erreichen was wir wollen UND mit sich selbst im Reinen zu sein. 

In dem wir IN UNS selbst suchen, was wir wollen und aufhören, im AUSSEN jedem Ratschlag nachzujagen, der uns mehr Geld und Erfolg verspricht. 

 

Ich wünsche Dir von Herzen viel Spaß und Freude mit DIR und DEINEN Gefühlen. 

 

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Simone Haist