Weggeworfen

Gerade komme ich heim und ziehe meine Jacke aus. Der Tag war einfach herrlich schön. Mit Sonne und Wärme. Ich habe die Zeit genutzt, um Dinge zu erledigen und in der Natur zu sein. Ich hörte Vögel zwitschern, eine Mücke hat sich in meine Wohnung verirrt. Herrlich. 

Und dann finde ich die Folie, das "Babbierle", das ich noch in der Jackentasche hatte von gestern früh. 

 

Gestern war ich in einer wunderschönen alten Fachwerkstatt zu einem Coaching-Termin eingeladen. Ich war eine halbe Stunde zu früh, da ich mit Stau und Verkehrsschlangen kalkuliert hatte, die glücklicherweise ausgeblieben sind. Ich bin also durch das Städtchen geschlendert, habe Schaufenster betrachtet und mir war furchtbar kalt (weil ich mich extra schick für den Termin gekleidet hatte). 

Mir ist auch noch aufgefallen, wie sauber es dort doch ist, typisch schwäbisch, und musste grinsen. 

 

In dem Moment ist etwas Seltsames passiert. Vor mir erscheint plötzlich eine Frau, ich schätze, ca. zehn Jahre älter als ich. Sie war "flott" gekleidet, kurzer Jeansrock, vielleicht ein wenig zu eng, aber ihre rote Jacke leuchtete schön. Ich war vollkommen verdutzt, als sie direkt vor mir einen Lolli aus ihrer Jackentasche holt, ihn auspackt, in den Mund steckt und vor mir, keine zwei Meter entfernt, das Babbierle, das ich gerade eben in meiner Tasche wiederfand, auf den Boden schmeißt. Richtig mit Vorsatz. Sie hat es nicht einfach achtlos fallen lassen. 

Ich war einfach nur baff. Für einen kurzen Moment habe ich daran gedacht, sie so richtig zurechtzuweisen. Ihr zu sagen, wie verantwortungslos sie sich verhält, was für ein schlechtes Vorbild sie ist und so weiter und so fort. 

Innerhalb einer Sekunde habe ich mich dagegen entschieden und das Babbierle kurzerhand aufgehoben und eingesteckt. Sie war noch baffer, als ich einige Sekunden zuvor. 

 

Sie konnte es schlichtweg nicht fassen. 

Ich bin wortlos weitergelaufen und habe sie stehen lassen. Ich dachte mir noch: Ja, glotz ruhig. 

 

Mir ist dann noch durch den Kopf gegangen, was sie wohl über mich denkt: Blöde Kuh, lass meinen Müll liegen. Ist die vielleicht von der Stadtreinigung? Hat die keinen Stolz? 

 

Doch! Ich war mega stolz auf mich. Zum einen, dass ich sie nicht angepflaumt hatte, es besser wusste und sie zu einem Müllsünder deklariert habe. Ich habe einfach das gemacht, was ich von ihr erwartet hätte. Wie oft nehme ich mir vor, andere nicht zu bevormunden, es besser zu wissen und Ratschläge geben mag ich grundsätzlich nicht.

 

Dieses kurze Ereignis hat mich daran erinnert, dass ich nicht von anderen verlangen kann, Verantwortung zu übernehmen. Es ist ihre eigene Entscheidung. Die Frau war deutlich volljährig (erwachsen in diesem Moment nicht so sehr). Es steht mir nicht zu, ihr zu sagen, was sie zu tun hat. 

 

In unserer Gesellschaft wollen viele Menschen, dass "die anderen" irgendetwas tun. Die Politiker, die Nachbarn, die Mama, die Kinder, die Frau, der Mann, die Kollegen, der Chef. Alle anderen sollen etwas tun. Dann muss ich es schon nicht tun.

Das führt dazu, dass wir uns häufig im Kreis drehen und nicht das Ergebnis bekommen, das wir möchten. 

Was ich in den letzten Wochen immer bewusster merke: nur wenn ich die Dinge gestalte, die ich haben möchte, bekomme ich sie auch. Ich bin verantwortlich dafür, was in meinem Leben geschieht. Kein anderer ist es. 

 

Vielleicht wirft die Frau künftig keine Babbierle mehr auf die blitzblank saubere Fachwerkstraße. Ich weiß es nicht. Doch ich wette, dass mein Handeln mehr bei ihr bewirkt hat als ein Meckern mit erhobenem Zeigefinger. 

 

Wie denkst Du darüber?